Konzert-Kritik
Grenzenlos im Klang: Wenn Bach beginnt zu grooven

Werne. Kurzfristig änderten Anna Carewe und Oli Bott ihren letzten Programmpunkt etwas ab. „Einfach, weil wir Lust dazu hatten“, erklärte Bott dem Publikum im ausverkauften Foyer der Marga-Spiegel-Schule. Das lachte. Denn zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Spielfreude des Duos längst auf seine Zuhörer übertragen.
Ob gezupft, gestrichen, gehackt: Carewe und Bott loteten das Klangspektrum von Cello und Vibraphon aus und überschritten dabei stilistische Grenzen zwischen den Epochen. Zu dem Konzertabend am Donnerstag (19. Februar 2026) hatten die Musikfreunde erneut ein ungewöhnliches Paar nach Werne geholt.
Das zeigte sich schon beim Blick ins Programm. Da trafen sich innerhalb eines musikalischen Sets der mittelalterliche Komponist Johannes Ciconia und Eric Satie, ein Wegbereiter der Moderne. Diego Ortiz, zeitlich der Renaissance zuzuordnen, folgte auf den Jazz-Musiker Dizzy Gillespie, eine Tarantela aus dem 17. Jahrhundert auf Antônio Carlos Jobim, einen Begründer des Bossa Nova. Und immer wieder erschien zwischen ihnen Johann Sebastian Bach. „Bach passt immer“, erklärte Anna Carewe. Die gegenläufigen Stimmen eines seiner Duette ermöglichten es, im Kontrast der beiden Instrumente zu schwelgen, dem kantigeren Klang des Vibraphons gegenüber der sonoreren Färbung des Cellos. Wie helle Linien auf samtigem Untergrund. Ein anderes Mal nahm sich das Vibraphon zurück und gab dem Cello Raum für bittere Süße, die berührte.
Gerade mit dem Jazz hat der Barockmusiker mehr gemein, als man angesichts der zeitlichen Entfernung zwischen beiden annehmen möchte. Zum Beispiel die Improvisation über ein kurzes musikalisches Thema. Oder eine durchgängig laufende Basslinie, im Jazz „Walking Bass“ genannt. Wie fließend sich auf dieser Basis ein paar Jahrhunderte musikalisch überbrücken lassen, demonstrierten Anna Carewe und Oli Bott in einem Bach-Gillespie-Set. Zugrunde lagen Bachs Präludium in h-Moll (BWV 869) aus dem Wohltemperierten Klavier I und Gillespies „Con Alma“. Die Cellistin schritt voran, das Vibraphon setzte pulsierende Akzente. Das Zusammenspiel erinnerte an ein pointillistisches Gemälde: Unterschiedliche Klangfarben wurden auf ausgeklügelte Weise aneinander gereiht, sodass sie sich zu einem atmosphärischen Bild verdichteten.

Der Übergang zu Gillespie schlich sich fast unmerklich ein. Mit einem Mal wurde der Rhythmus etwas grooviger, wippte Bott etwas mehr hinter seinem Instrument. Carewe hielt dagegen, mit etwas mehr Legato auf den einzelnen Tönen. Mit einem Mal kristallisierte sich aus dem Klangbild ein erzählender Tonfall heraus: Die Recercada Quarta von Diego Ortiz mutete ein bisschen wie eine Ballade an. Ein wenig selbstvergessen ließen Carewe und Bott sie erklingen, mit einer tänzerischen Anmut, die sich unter Schlägeln und Bogen zum würdevollen Forte aufschwang.
„Das Stück von Ortiz haben wir aufgenommen, weil es einfach schön ist“, erklärt Bott. Es sei das allererste Stück gewesen, dass Anna Carewe und er zusammen gespielt hätten. „Unser Agent hat uns zusammengebracht, ohne zu wissen, wie Cello und Vibraphon zusammenklingen“, erzählte Bott weiter. Das war vor 19 Jahren. Inzwischen sind sie als Duo international erfolgreich, gerade auch für ihre grenzenlosen Sets. Dass sich Barock und Jazz auch in Sachen Chromatik finden, demonstrierten sie mit einer weiteren Melange. Dieses Mal traf sich Bach mit Duke Ellington. Aus dem weichen Intro von Ellingtons „Prelude to a kiss“ formte Carewe eine elegante, farbtonreiche Linienführung, die in einen jazzigen Dialog mit dem Vibraphon mündete.
Virtuos jagte das Duo anschließend durch die Chromatik eines weiteren Präludiums von Bach aus dem Wohltemperierten Klavier. Und dann erschien, wie aus weiter Ferne, das Schemen einer Karawane: Ellingtons „Caravan“ in ihrem prägnant schaukelndem Rhythmus. Wie flirrendes Sonnenlicht umspielte das Cello das Vibraphon. Bott scheute sich nicht, sein Instrument mit klirrendem Staccato zu bearbeiten. Indem sie mit einem Finger über die Saiten strich, entlockte Carewe ihrem Cello wiederum ein mystisches Sirren.
So endete ein Abend, der zeigte, dass Grenzen problemlos verschwinden, wenn man ihnen mit Experimentierfreude und Humor begegnet.
von Anke Schwarze, erschienen bei WernePlus am 20.02.2026
Vorankündigung
Vibraphon trifft auf Cello: Musikfreunde präsentieren das nächste Duo

Werne. Mit einem ungewöhnlichen Duo setzen die Musikfreunde die Saison am kommenden Donnerstag (19.02.2026) getreu dem diesjährigen Motto „Die Kunst des Duos“ fort.
Vibraphon trifft auf Cello: Die aus der Klassik kommende Anna Carewe trifft auf den Jazzmusiker Oli Bott; das kann nur spannend werden. Mit ihrem neuen Programm“ Trance & Rhythm“ nehmen uns die Beiden mit auf eine musikalische Reise über alle Genregrenzen hinweg, ohne Berührungsängste zwischen U- oder E-Musik. Getreu ihrem Motto: „Es gibt zwei Arten von Musik: gute Musik und die andere Art“.
Klänge aus dem 14. bis 21. Jahrhundert verweben sich und finden eine Balance zwischen komponierten und improvisierten Parts. Das Programm umfasst Werke von Bach bis Ellington. Der weiche Ton des Cellos steht im Kontrast zu der Leichtigkeit des Vibraphons – grenzenlos und überraschend.
Anna Carewe startete schon mit 16 Jahren als Preisträgerin beim BBC-Wettbewerb „Young Musician of the Year“ in der Royal Festival Hall mit Elgars Cellokonzert ihre Karriere. Sie studierte in London und Berlin spielte als Barocksolistin und gründete, offen für alle Genres, mit Oli Bott dieses Duo.
Oli Bott studierte Vibraphon und Komposition und lebt als freischaffender Künstler in Berlin. Die Liste seiner Preise scheint endlos. 2022 erhielt er vom Deutschen Bundestag den Auftrag zum Anlass des 100. Jubiläums der Nationalhymne eine Hommage zu komponieren, die er unter anderem mit Anna Carewe produziert hat. Oli Bott wird einigen Musikfreunden in Erinnerung sein, als er bei einem Konzert in Werne gemeinsam mit dem Jazzclub, damals in der Klosterkirche, die Zuhörenden begeistert, ja aufgemischt hat.
Das Konzert findet am Donnerstag, 19. Februar, ab 20 Uhr in der Aula der Marga-Spiegel-Schule statt. Karten für 25 Euro sind wie immer im Vorverkauf bei Bücher Beckmann oder an der Abendkasse erhältlich.
erschienen bei WernePlus, am 14.02.2026